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Die geteilte Stadt

von Bi-Bahntrasse

Die geteilte Stadt

(Badische Zeitung vom 09. April)

BZ-UMFRAGE: Offenburger studieren in der Baden-Arena die Bahn-Pläne / Empörung allenthalben

Manfred Wahl dürfte mit dem Verlauf des gestrigen Abends sehr zufrieden sein. Nicht nur weil rund 2000 Menschen zur Bahn-Info-Veranstaltung in die Baden-Arena kamen, sondern weil der Zulauf zur BI Bahntrasse seit der Kundgebung vergangenen Donnerstag einen neuen Ruck bekommen hat: innerhalb von fünf Tagen 272 neue auf jetzt 4340 Mitglieder. Die 5000er-Schwelle soll im Juni fallen. Das nächste Ziel steht fest. »Wir wollen«, sagte der BI-Vorsitzende und frühere evangelische Dekan, »10.000 Einwendungen schaffen« – Menschen, die beim Planfeststellungsverfahren ihre Bedenken und Einwendungen vorbringen.

Einer davon ist Bernhard Brudy. Der pensionierte Gärtnermeister, beim Blick auf eine der Tafeln mit den Schallschutz-Fotomontagen: »Eine kurze Lösung könnte man noch akzeptieren, aber doch nicht durch die ganze Stadt. Die wäre dann ja geteilt.« Das Argument, der Tunnel sei zu teuer, lässt Brudy nicht gelten: »Das Ganze geht nicht nur Offenburg oder Baden-Württemberg an, sondern Europa!«
Anita Rost, in Albersbösch daheim: »Das alles hier wird den Leuten doch nur schön verkauft, nach dem Motto: Ach, so schlimm ist das doch gar nicht! Für die Menschen, die direkt hinter den hohen Schutzwänden wohnen würden, wären sie ein kleiner Schutz. Doch diejenigen in der zweiten oder dritten Reihe wären die großen Verlierer. Der Schall setzt sich nämlich darüber fort. Städtebaulich sind die Wände ohnehin eine Katastrophe. Zudem würde der Luftaustausch fehlen. Der Kinzigtäler könnte sich nicht mehr entfalten – schlecht fürs ganze Stadtklima.«
Vor Empörung kaum bremsen kann sich Anton Eichhorn, der seit zwei Jahren in der berühmten Bahn-Kurve an der Zähringerstraße wohnt: »Die Schallschutzwand hier sieht doch aus wie die DDR-Mauer. Die wird begrünt? Ach was! Da wächst nichts zu. Da gehen Jugendliche dran und malen Grafitis drauf. Meinen Sie, das sieht toll aus?«
Otto Schubert fühlt sich als »Kämpfer«. Der 77-Jährige geht für die Lebensqualität in Offenburg »gerne auf die Barrikaden«. Er engagiert sich auch im Vorstand der BI. Seit 1954 wohnt er in Hildboltsweier, jetzt in der Königswaldstraße, früher im Posener Weg: »Kommt hier das dritte und vierte Gleis, sinken Wohnqualität und auch Verkehrswert der Häuser. Dass man im 21. Jahrhundert so etwas plant – menschenunwürdig!« Für Schubert ist die Bahn-Planung »Teufelswerk«. Die einzige Lösung sei der Tunnel.
Ähnlich Mechthild Feißt, die seit 73 Jahren im von der Bahn-Planung besonders betroffenen Fasanenweg wohnt: »Ich werde in diesem Haus bleiben, bis ich gestorben bin. In dem Haus sind zwei Menschen gestorben und wurden zwei Kinder geboren. Das verbindet.« Hoffentlich, sagt die ältere Dame, »nützt der ganze Protest auch was«.
Kurz und bündig formuliert Georg Moosmann seinen Protest: »Wie kann man nur eine Güterzug-Transversale mitten durch die Stadt planen? Einfach nur unverständlich!«
»Eine Katastrophe«, kommentiert gar der frühere Stadtrat Peter Engelhard die ganzen Simulations-Schautafeln, »es ist unvorstellbar, was die Bahn mit uns treibt«. Das Schlimme: »Alles wird von der Bahn so hingestellt, als wäre es ein Vorteil für Offenburg.«
Prof. Jürgen Nolte hat bei der Kundgebung vergangene Woche über die negativen Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit des Menschen referiert. Der Mediziner wirft der Bahn »spätkapitalistisches Verhalten« vor; rigoros ignoriere sie wissenschaftliche medizinische Erkenntnisse. Was Nolte gestern Abend sehr gefiel: »dass so viele Menschen kamen, die nicht direkt betroffen sind«.
»Ich wünsche Offenburg mit seiner Tunnelplanung alles Gute, es wird aber ein harter Kampf«, prophezeite Horst Kiefert, in den 90-ern Baubürgermeister und zuvor Bundesbahnplaner. Doch sollte sich die Bahn mit ihren Plänen durchsetzen, müsste man die Schallschutzwände niedriger bauen und den passiven Schallschutz an den Häusern – Fenster etwa – verbessern. Überhaupt müsste das Gesetz korrigiert werden: Dem Menschen müsste bei der Umweltverträglichkeitsprüfung ein genau so hoher Stellenwert eingeräumt werden wie Fauna und Flora. Noch besser als der Tunnel, so Kiefert, wäre, das dritte und vierte Gleis und somit die Güterzüge und Schnellzüge draußen vor der Stadt zu lassen und auf Gemarkung Appenweier einen »Ortenau-Bahnhof« zu bauen: Hier könnte der TGV optimal angebunden werden, die Ortenau-S-Bahn könnte den Zubringerdienst zum Bahnhof Offenburg abwickeln. Es könnten auch genügend Parkplätze angelegt werden. Die Bahn aber, so Kiefert, würde ihn für diesen Vorschlag bestimmt verfluchen: Er würde die Planung mächtig verzögern.

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