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Nicht nur als Musikerin findet sie Lärm ganz furchtbar

von Bi-Bahntrasse

Nicht nur als Musikerin findet sie Lärm ganz furchtbar

(BZ vom 8. Juni)

BI BAHNTRASSE II: Mit 98 Jahren ist Ingeborg Arntz das an Jahren älteste Mitglied der Bürgerinitiative Bahntrasse

Offenburg. Mit ihren 98 Jahren ist Ingeborg Arntz das älteste Mitglied der Bürgerinitiative Bahntrasse. Dass es ihr Sohn Wilhelm war, der sie Anfang April zu diesem Schritt bewogen hat, daraus macht die zerbrechlich wirkende alte Dame keinen Hehl. Was aber nicht heißen soll, dass sie selbst nicht ganz hinter den Forderungen der BI und damit hinter dem einröhrigen Tunnel steht.
»Es ist ganz furchtbar, wenn so viel Lärm ist«, sagt die Frau mit dem fein frisierten weißen Haar, deren zarte Hände die staatlich geprüfte Geigenlehrerin erkennen lassen, die immer noch an Weihnachten zu ihrer geliebten Violine greift. Als Musikerin scheint sie der wachsende Krach, der mit dem zunehmenden Güterverkehr auf den Schienen einhergeht, besonders zu stören: Das sei »ganz schlimm«, versichert die gebürtige Düsseldorferin, die seit dem Jahr 2000 im Offenburger Altenpflegeheim Vinzentiushaus lebt und von Schwiegertochter und Sohn nahezu täglich besucht wird.
Dann gibt es die neuesten Infos in Sachen Bahnausbau. So wie vor wenigen Tagen, als Wilhelm Arntz seiner Mutter vom zweiten Stammtisch der BI im Stadtteilzentrum Innenstadt berichtete. Aufmerksam hört die betagte Dame zu und nickt immer wieder zustimmend. 70 Mitglieder und Interessenten hatten sich eingefunden, um sich die Schaubilder mit den Schallschutzwänden genauer anzuschauen, die künftig den Bahngraben einrahmen sollen. Von Resignation sei keine Spur gewesen, »überhaupt nicht«, wie Wilhelm Arntz versichert, der selbst 2003 schon Mitglied der BI wurde: Er sei seit Kindesbeinen ein Eisenbahnfan, sein Vater habe ihn mit den technischen Details vertraut gemacht. Die Überzeugung des 66-jährigen pensionierten Lehrers der Eichendorffschule lautet: »Die Bahn steht im Dienste der Menschen.«
Was in Offenburg und auf der gesamten Strecke bis Basel geplant sei, könne kein vernünftig denkender Mensch hinnehmen. Daher freut er sich umso mehr, dass seine Mutter jetzt auch zu den Mitgliedern zählt. Sie sei immer eine begeisterte Bahnfahrerin gewesen, einen Führerschein brauchte sie nie.
Und sie ist viel herumgekommen: Nach der Kindheit in Dresden studierte sie am Leipziger Konservatorium, heiratete 1935 den Kölner Stadtbaudirektor, zog mit ihrer Familie später nach Frankfurt, wurde während des Zweiten Weltkriegs ins Sudentenland evakuiert, erlebte den Bombenangriff auf Dresden vom Vorort Hellerau aus, verbrachte vier Jahre im Taunus, um schließlich nach Köln zurückzukehren.
Sie habe sich nie unterkriegen lasen: Mit vier Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung, ihr rechtes, gesundes Bein musste zeit ihres Lebens die doppelte Last tragen. Seit 19 Jahren sitzt sie im Rollstuhl. Doch ihr verschmitztes Lächeln verrät, dass sie noch immer ihre Freude am Leben hat: Es gehe ihr gut, sie fühle sich wohl Ingeborg Arntz streichelt ihr Stofftierschäfchen, das sie vor einigen Wochen als Geschenk erhielt: »Jetzt bin ich nicht mehr allein«, sagt sie und schmunzelt.

Ingeborg Arntz war schon immer für Neues offen
Sie war immer offen für Neues: Nach ihrer Ausbildung zur Geigenlehrerin lernte sie noch Damen- und Herrenschneiderin – und Anfang der 80er Jahre frischte sie ihre Englischkenntnisse auf, weil sie ihren zweiten Sohn in Florida besuchen wollte. Für zwei Jahre blieb sie sogar in Amerika, dann zog es sie doch wieder in die alte Heimat.
In Offenburg fehle es ihr an nichts, betont sie. Ihr gefalle die Stadt an der Kinzig, die sie auch in Zukunft ohne eine 16 Kilometer lange Mauer sehen will. Wobei sie den Optimismus ihres Sohnes teilt, der davon überzeugt ist, dass der Tunnel kommen wird: Der Schienenverkehr werde noch sehr viel stärker, als man das heute prognostiziere: »Die Bahn muss einlenken.«

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