Pressearchiv (2005 - 2016)

Wo Wyhl möglich ist, muss auch das gelingen

von Bi-Bahntrasse

Wo Wyhl möglich ist, muss auch das gelingen

BI-Chef Manfred Wahl glaubt an den Güterzugtunnel und setzt große Hoffnungen in die Kundgebung am Samstag

VON CHRISTIAN WAGNER UND JÜRGEN ROHN

Dekan Manfred Wahl (68) befindet sich eigentlich im wohlverdienten Ruhestand, er hat aber dennoch einen Fulltime-Job: Als Vorsitzender der Bürgerinitiative Bahntrasse kämpft er von morgens bis abends unermüdlich für einen »menschenverträglichen Ausbau« der Bahntrasse, holt in Gesprächen mit Experten Informationen ein, beruhigt und berät besorgte Bürger und versucht Politiker zu überzeugen, sich für den Güterzugtunnel stark zu machen. Für die Groß-Demonstration am kommenden Samstag (14 Uhr) in Offenburg, an der alle Bürgerinitiativen der südlichen Rheinschiene teilnehmen, beschwört Wahl den Geist von Wyhl.

• Fällt Ihnen als Mann der Kirche zur Bahntrassen-Diskussion in Offenburg spontan ein Bibelzitat ein?
Manfred Wahl: Bei der Informationsveranstaltung vor der Gründung der BI im vergangen Jahr habe ich ganz bewusst ein Bibelzitat ans Ende meiner Betrachtungen gestellt: »Suchet der Stadt Bestes« – das ist ein Prophetenwort des Propheten Jeremia und beschreibt sehr schön, was biblischer Auftrag gegenüber dem Gemeinwohl ist. Für mich Aufforderung genug, mich als Christ und als Pfarrer in den Dienst dieser guten Sache zu stellen.

»Mindestens 2000 Offenburger sollten bei der Kundgebung dabei sein. Wir laden alle herzlich ein!«

• Der »Stadt Bestes« werden Sie auch am kommenden Samstag bei der Groß-Demo suchen – mit wie vielen Mitstreitern rechnen Sie?
Wahl: Ab 3000 Teilnehmern wäre es eine tolle Sache, wir lassen uns aber nach oben Spielraum bis 5000 offen. Nach ersten Rückmeldungen der Südinitiativen zwischen Herbolzheim und Markgräflerland werden diese mit 1500 Leuten kommen, was uns sehr freut. Wir hoffen zudem, dass mindestens 2000 Offenburger dabei sind. Ausdrücklich möchten wir noch einmal die ganze Offenburger Bürgerschaft, ob BI-Mitglieder oder nicht, zur Teilnahme an der oberrheinischen Großkundgebung aufrufen!
• Was wollen Sie mit der Groß-Demo erreichen?
Wahl: Wir haben eigentlich drei Ziele: Einerseits wollen wir weiterhin die Bürger sensibilisieren. Dann wollen wir natürlich die Bahnplaner darauf aufmerksam machen, dass sie über ihre aus unserer Sicht verfehlte Planung nachdenken. Und das dritte gewinnt jetzt zunehmend an Gewicht: Wir wollen den Politikern sagen, dass wir so viel Zeit nicht mehr haben und nicht auf Gesetzesänderungen und Untersuchungen, die vielleicht in fünf oder zehn Jahren zu ihrem Ergebnis kommen, warten können, sondern dass wir jetzt sofort politisches Engagement brauchen, damit bei der Planfeststellung die Weichen für eine menschenfreundliche Trasse gestellt werden.
• Bleiben wir gleich bei der Politik: Wie sind Sie mit dem Engagement der Abgeordneten und der Stadtverwaltung zufrieden – Tadel ist ausdrücklich erlaubt!
Wahl: Wir sind froh, dass es im Gemeinderat und in der Stadtverwaltung zu einem Umdenken in Richtung Stadttunnel gekommen ist, der die schlimmsten Belastungen für die Bevölkerung verhindern würde. Was die Abgeordneten betrifft: Partei-Interessen dürfen nicht im Vordergrund stehen, sondern es muss eine geschlossene Haltung der Abgeordneten am Oberrhein zu Gunsten der Menschen der Region geben.
• Steht die anfangs flügellahme Stadtverwaltung mittlerweile voll hinter den Forderungen der Bürgerinitiative?
Wahl: Das kann ich mir nicht anders vorstellen! Wichtig ist aber auch, dass der Gemeinderat und die einzelnen Fraktionen dranbleiben und die öffentliche Diskussion ankurbeln. Von der Oberbürgermeisterin gingen zuletzt einige Initiativen aus . . .
»Die Bahn hat Eigenmittel einfach eingespart,
um kapitalkräftig für den Börsengang zu sein.«
• . . . unter anderem das Gespräch mit Bahnchef Mehdorn . . .
Wahl: Die Aussagen, die Mehdorn da gemacht hat und die dem Bundesverkehrswegeplan diametral entgegenstehen, müssten den Planern den nötigen Stoff zum Nachdenken geben, aber auch den politisch Agierenden. Wenn das stimmt, dass ein vom Bundestag verabschiedeter Verkehrswegeplan längst überholt ist, dann gibt es keine Berechtigung mehr für Planungen, die von viel zu niedrigen Zugzahlen ausgehen. Von daher bin ich sehr froh darüber, dass Mehdorn das gesagt hat. Die andere Frage ist, ob Mehdorn bereit ist, in seinem Bereich die politischen Aktivitäten zu entfalten, die jetzt nötig sind, um den Stadttunnel zu finanzieren. Dass er betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, hat er ja eingeräumt.
• Sie haben es in diesem Zusammenhang einen Skandal genannt, dass die Bahn gar nicht alle Mittel abruft, die sie haben könnte . . .
Wahl: Zwischen 1999 und 2005 wurden zwei Milliarden an Steuergeldern von der Bahn nicht abgerufen. Begründet wurde dies damit, dass es gerade keine Projektreife gegeben habe, wo man das Geld hätte verwenden können. Unsere Vermutung, die mehrfach öffentlich geäußert und von der Bahn nie zurück gewiesen wurde: Da hat die Bahn die Eigenmittel, die man ja zusätzlich braucht, einfach eingespart, um kapitalkräftig für den Börsengang zu sein! Das passt nicht zusammen mit angeblichen Kostenengpässen hier vor Ort.

»Ich habe sehr hautnah die Empörung der Bürger, deren Häuser vom Abriss betroffen sind, mitbekommen.«

• Sind Sie eigentlich selber in irgendeiner Weise betroffen?
Wahl: Nein, überhaupt nicht, ich wohne in herrlich ruhigem Wohngebiet »In der Wann«. Allerdings ist meine Enkelin zum neuen Schuljahr in der Georg-Monsch-Schule eingeschult worden und hat dort ein Klassenzimmer zum Bahngraben hin. Da werde ich wohl bei der Lehrerin mal um den Unterrichtsbesuch eines Großvaters bitten müssen, um zu hören, wie laut es dort ist.
• Was hat Sie dann bewegt, sich für das Thema in so starkem Maße einzusetzen? Im Grund haben Sie, wenn wir das richtig beurteilen, nach ihrem wohlverdienten Ruhestand in der BI ja so eine Art Fulltime-Job angetreten!
Wahl: (lacht): Es ist zeitaufwändiger, als ich es mir vorgestellt habe. Aber ich habe das Thema aus meiner Dienstzeit als Pfarrer von Hildboltsweier und Albersbösch mit gebracht. Ich habe dort sehr hautnah die Empörung der Bürger, deren Häuser vom Abriss betroffen sind, mitbekommen. Der Arbeitskreis Bahntrasse, aus dem die BI dann hervorgegangen ist, hat später durch seine Aufklärungsarbeit herausgearbeitet, dass das 3. und 4. Gleis kein Problem von Einzelnen, sondern ein Problem der Gesamtstadt ist. Als ich das gemerkt habe und mit ein paar Mitstreiterinnen und Mitstreitern zudem noch eruiert habe, wie viele pädagogischen Einrichtungen in diesem Lärmteppich liegen, da war für mich klar: »Suchet der Stadt Bestes!«
• Wie sieht denn jetzt der Vollzeit-Job aus, gerade im Vorfeld dieses Großereignisses? Das ist sicher ein bisschen mehr Arbeit als die Vorbereitung einer Pfarrgemeinderatssitzung . . .
Wahl: Das ist eine neue Erfahrung für mich. Auch als Dekan musste ich Dinge vorbereiten, die übergreifend waren. Aber jetzt geht es um die akute Bedrohung eines ganzen Gemeinwesens. Mein »Vollzeit-Job« beinhaltet eine große Zahl von Gesprächen mit Leuten, die fachkundiger sind als ich. Da profitiere ich ungemein von der Kompetenz der Südinitiativen, die sich schon länger mit technischen und rechtlichen Fragen vertraut gemacht haben. Auch in unseren Reihen haben wir sehr viele Experten. Ich habe durch die BI-Arbeit technisch sehr viel mehr gelernt als bisher in meinem ganzen Leben davor. Zu meinem Tagesablauf gehört auch, dass mich viele Bürger anrufen und wissen wollen, was es z. B. bedeutet, wenn der neue Tunnel unter ihrem Haus durchgeht. Und natürlich führen wir vermehrt Gespräche mit Politikern – das verstärkt sich in letzter Zeit glücklicherweise.
• Das ist sozusagen das »Alltagsgeschäft« – wie aufwändig ist die Organisation der Großveranstaltung, was ja jetzt zusätzlich ansteht?
Wahl: Das geht von morgens bis abends und ist manchmal schon grenzwertig. Neben unzähligen E-Mails und Faxen haben wir bis jetzt sicher zehn Organisationsbesprechungen gehabt. Allein bis ein Flyer, auf den wir übrigens sehr stolz sind, entstanden ist, bedarf es einer Unmenge von Gesprächen. Auch die Redebeiträge der einzelnen Bürgerinitiativen müssen abgesprochen werden. Es ist aber auch eine sehr gute Erfahrung, wie viel Ermutigung bei organisatorischen Absprachen mit Polizei, Maltesern, Feuerwehr und Stadtverwaltung artikuliert wurde. Und vor allem: Wir sind ein tolles Team von vielen, die zu großem Engagement bereit sind.
• Am Samstag demonstrieren die Bürgerinitiativen Seite an Seite. Besteht nicht die Gefahr, dass sie demnächst zu Konkurrenten werden, wenn es irgendwann einmal um die Verteilung der Mittel für die jeweiligen Trassenwünsche geht?
Wahl: Wir in Offenburg sind in der günstigen Lage, dass der Güterzugtunnel keine »Zwangspunkte«, wie die Bahn sagt, schafft, die anderen Trassenwünsche also in keiner Weise beeinträchtigt werden. Trotz alledem dürfen wir uns aber gerade im finanziellen Bereich nicht auseinander dividieren lassen. Was zur Verbesserung der Trassenführung am Oberrhein nötig ist, sind 1,5 Milliarden Euro. Wir fordern dieses Geld, und zwar nicht, weil wir unbescheiden sind, sondern weil die Planung der Bahn aus dem 19. Jahrhundert stammt – ich nenne sie deshalb Billigstplanung. Eine Billigstplanung, die ohne Rücksicht auf die Bürgerschaft gemacht wurde. Insofern fordern wir nicht zu viel Geld, sondern nur das, was nötig ist. Wenn man sieht, wie viel Geld für ein paar Minuten Zeitgewinn für Stuttgart 21 investiert wird, dann ist das für eine gewinnträchtige Trasse am ganzen Oberrhein, die länger ist als Stuttgart – Ulm, nicht mehr als recht und billig. Wir fordern nicht zu viel, sondern nur das, was von Anfang an nötig gewesen wäre.

»Ich wünsche mir, dass durch die Kundgebung die südbadische Solidarität weiter wächst.«

• Blicken wir über Samstag hinaus – wie sieht der weitere Weg des Protests aus?
Wahl: Es muss ein Schwerpunkt unserer Bemühungen sein, die Abgeordneten am Oberrhein endlich mal an einen Tisch zu bringen und nicht nur ständig von Terminunmöglichkeiten zu hören. Das kann nicht sein! Für die Groß-Demo haben wir diese Woche auch noch drei Anmeldungen von Bundestagsabgeordneten bekommen, die zunächst terminlich verhindert waren. Da ging’s also auch. Für wichtig halte ich zudem, dass wir demnächst in Offenburg eine Veranstaltung zum Thema Lärm und Lernen auf die Beine stellen, weil hier so viele pädagogische Einrichtungen wie nirgends sonst vom Bahnlärm betroffen sind.
• Was wäre denn das optimale Ergebnis, das sie am Samstagabend nach der Kundgebung gerne resümieren würden?
Wahl: Dass es über Offenburg und den Oberrhein hinaus wahrgenommen wird, wie hier die Bevölkerung belastet ist und welche Belastungen noch drohen. Außerdem wünsche ich mir, dass durch die Kundgebung die südbadische Solidarität weiter wächst. Sie wissen, dass mein Lieblingsgedanke von Anfang an war: »Wo Wyhl möglich ist, muss auch anderes möglich sein!«
• Fällt Ihnen zum Schluss noch ein weiteres Bibelzitat ein, das umschreibt, wie weit entfernt oder besser gesagt wie nah die BI am Ziel – dem Stadttunnel – dran ist?
Wahl: Der Apostel Paulus hat mal gesagt: Ich strecke mich nach den vorgesteckten Zielen. In großer Gewissheit, dass Dinge, die jetzt noch nicht möglich sind, zu einem Gelingen führen werden. Das wäre etwas, was mich ermutigt. Das gilt auch für das Apostelwort, das mir diese Woche an meinem 40. Ordinariations-Jubiläumstag begegnet ist und das mich sehr bewegt hat: »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit«. Das gilt für alle Lebens- und Glaubensbereiche und damit auch für das gesellschaftliche Engagement für eine menschenverträgliche Trassenführung.

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